Subtext – oder was wir zwischen den Zeilen sagen

 

Über die Tücken beim Lesen zwischen den Zeilen

Ob beim Pitch, bei einem Bewerbungsgespräch oder in einer Besprechung, wie Sie Ihren Standpunkt vertreten, entscheidet oft darüber, ob man Ihrer Aussage Vertrauen und Gehör schenkt.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Vorstand eines Unternehmens und müssen über ein erfolgskritisches Projekt entscheiden.

Ein Projektleiter stellt den Projektantrag mit einer PowerPoint vor. Der Mann ist nervös, aber als er über die Planung spricht, wirkt er geradezu fahrig. Er weicht Ihrem Blickkontakt aus, geht immer wieder durch das Beamerbild, räuspert sich und zögert immer wieder beim Nennen von Zahlen. Als Sie sich nun zurücklehnen und diese Zahlen hinterfragen, geht der Projektleiter in Verteidigungsstellung und reagiert, als hätten Sie ihn angegriffen. Hand aufs Herz: Wie groß ist Ihr Vertrauen als Entscheider, dass die Planung solide und das Projekt bei diesem Projektleiter in guten Händen ist?

Nun schlüpfen Sie in die Haut des Projektleiters, der ungern vor Publikum spricht. Sie sind sich der Bedeutung des Projekts für das Unternehmen und der Risken sehr bewusst. Sie sind vorsichtig im Umgang mit Prognosen, weil Sie keine falschen Erwartungen schüren möchten. Sie haben Ihre Zahlen natürlich mehrfach geprüft. Das Nachfragen empfinden Sie als Misstrauen in Ihre Arbeit.

Bei solchen Fehlschlägen in der Kommunikation droht unserem fiktiven Projekt die Schieflage, bevor es begonnen hat. Widersprüchliche Signale sind ein wesentlicher Faktor im Scheitern von Kommunikation.

 

Stimme, Mimik und Körpersprache müssen im Einklang sein

Haben wir Klarheit in dem, was wir sagen, tun oder bewirken wollen, harmonieren unsere Stimme, Sprache und Körpersprache. Sie sind stimmig – jedes unserer Ausdrucksmittel unterstützt unsere Aussage. Sobald wir aber bei einer Aussage Ängste, Unsicherheiten, oder gar Frustrationen empfinden, kommunizieren wir diese ebenfalls. Das ist der Subtext – der Text zwischen den Zeilen. Die negativen Gefühle finden ihren Weg in die Stimme, Sprache oder Körpersprache und schwingen in unserer Aussage mit. Es schleichen sich Nuancen ein, die unserem Gegenüber doppeldeutige Botschaften schicken.

Diese doppeldeutigen Botschaften sorgen nicht nur im beruflichen Alltag für Frust und Missverständnisse, sondern auch im Privatleben. Wenn Sie lächeln, während Sie sagen „Ich bin echt sauer“, senden Sie dem Gegenüber zwei Signale, eines auf der Wortebene, eines auf der Ebene der Mimik. Ihr Gesprächspartner wird nun versuchen, den Subtext – also das, was nicht wörtlich ausgesprochen wird, jedoch auf die ein oder andere Weise mitschwingt – herauszulesen. Aber freuen Sie sich nicht zu früh: Es ist unwahrscheinlich, dass Ihr Gegenüber versteht, dass Sie wirklich verärgert sind. Die Forschung zeigt, dass wir Gestik, Mimik und Ton mehr glauben als Worten.

 

Tiere haben ein besonders feines Gespür

Diese Neigung, uns mehr auf Ton und Körpersprache zu verlassen, haben wir mit unseren Haustieren gemeinsam. Als frischgebackene Hundebesitzerin kann ich das nur bestätigen.

Beim Hundetraining muss ich unserem neuen Familienvierbeiner Lucky manchmal erst mehrfach „Sitz“ oder „Platz“ befehlen, bevor er folgt. Die Hundetrainerin hat beobachtet, dass sich mein Gefühl der bevorstehenden Niederlage in meiner Stimme ausdrückt. Mein gepresster Ton drückt meinen Ärger darüber aus, dass ich denke: „Das macht er sowieso nicht“.

Lucky interpretiert diesen Ton in seiner eigenen Erfahrungswelt: Für ihn signalisiert meine Stimme „Unsicherheit“. Er spitzt die Ohren, schaut sich um und scannt die Umgebung nach Gefahren ab. Auf mich wiederum wirkt das, als würde er mich und meine Anweisung ignorieren. Tut er aber nicht – er reagiert nur nicht auf meine Worte, sondern auf das, was ich zwischen den Zeilen sage: den Subtext.

 

Überlegen Sie, was Sie „ausdrücken“ wollen

Sie können doppeldeutige Botschaften vermeiden, wenn Sie sich vor Gesprächen, die Ihnen wichtig sind, überlegen:  Wozu möchte ich meinen Gesprächspartner bewegen? Kann ich hinter meiner Aussage stehen? Und wenn nicht, was kann ich tun, damit ich hinter meinen Worten stehen kann?

Es hilft auch, über die Konsequenzen Ihrer Aussage nachzudenken. Wollen Sie „ja“ sagen oder „nein“? Können Sie die Konsequenzen Ihres Nein – oder Ihres Ja – tragen? Sobald Sie eine eindeutige Stellung zu Ihren Aussagen beziehen können, drückt sich das in der Körpersprache aus.

 

Halten Sie Interpretationsspielräume klein

Natürlich wäre es schön, wenn wir durch unsere eindeutigen Aussagen das, was unser Gegenüber wahrnimmt und interpretiert, hundertprozentig im Griff hätten. Ganz so einfach ist es denn doch nicht. Dazu gibt es viel zu viele Variablen: die Motive des Gesprächspartners, seine Erfahrungen oder seine Bereitschaft, Botschaften zu hören, die ihm nicht gefallen.

Trotzdem lohnt es sich, Gespräche mit klaren Aussagen und unterstützendem Subtext zu führen. Denn so halten Sie den Interpretationsspielraum Ihres Gesprächspartners klein. Das heißt, Sie können Missverständnisse beim Gegenüber genauer orten, ansprechen und ausräumen.

 

Machen Sie ein Experiment

Beobachten Sie mal einen Tag lang sich selbst und die Menschen, die Ihnen begegnen, und machen Sie sich bewusst, welchen Subtext Sie selbst hören.

Und ich? Ich höre mir derweil selbst zu, wie ich klinge, wenn mein Hund mal wieder eigener statt meiner Wege geht.