In der Kürze liegt mehr als nur Würze

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In der Kürze liegt die Würze. Die Handlung eines abendfüllenden Spielfilms in sechs Sekunden? Geht nicht, denken Sie? Vielleicht doch. Diesen interessanten Versuch unternimmt die tatsächlich sehr erfolgreiche Teaser-Premiere von Wolverine 3D, einer Hollywoodproduktion, die am 26. Juli in die US-Kinos kommt.

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Hier geht´s zum Vine-Video: https://vine.co/v/bDExaiMjJ1F

Veröffentlicht wurde diese Kurzfassung eines Trailers – der Regisseur James Mangold nennt sie in Anlehnung an Tweet und Teaser ein wenig unglücklich einen Tweaser – auf der nur wenige Monate alten, Twitter-eigenen Kurzvideoplattform Vine. Dort war der rasante 6-Sekunden-Loop für kurze Zeit, wenn nicht das meistgeklickte, dann doch einer der meistdiskutierten Beiträge.

Eine Kampagnenidee für digital natives, aber nichts fürs wahre Leben, könnte man denken und abwinken. Dass an der Idee mehr dran ist, als man bei einem Werbegag à la Hollywood annehmen mag, hat kürzlich eine Journalistin auf Arbeitssuche bewiesen. Sie nutzte das 6-Sekunden-Format, um ihre Stärken anschaulich zu inszenieren – und machte im Netz und bei potenziellen Arbeitgebern Furore.

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Hier geht´s zum Vine-Video: https://vine.co/v/b6wxtwrwP7P

Ob diese beiden Beispiele in unseren Augen nun Zeichen setzen oder Spielereien sind, wir bewundern Leute, die es verstehen, gekonnt auf den Punkt zu kommen. Was uns beeindruckt, ist nicht allein die Fähigkeit, treffend zu formulieren, sondern auch das scharfe Auge, das Unwesentliche zu erkennen, und der Mut, es wegzulassen.

Pointiertheit zu schätzen, weiß jeder, der Präsentationen epischer Länge durchlitten hat. Das heißt jedoch nicht, dass uns die Selbstbeschränkung bei der eigenen Präsentation deshalb leichter fällt. Müssen wir selbst kürzen, fallen uns prompt alle Gründe ein, weshalb „dies noch mit hinein muss“ und „jenes nicht wegfallen darf“. Auch bei den Teilnehmern meiner Seminare ist das Stöhnen groß, wenn sie ihre Präsentationen auf zwei bis vier Minuten kürzen sollen.

Selbst wenn das Herz blutet: Es gilt, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Wie der ¨Tweaser¨ für Wolverine oder Dawn Siffs Kurzbewerbung soll auch ein Kurzintro in Meetings, der Einleitungssatz am Telefon oder eine Präsentation ein Thema nicht erschöpfen. Diese kurzen Formate sollen neugierig machen. Und hier der Trost für alle, die das kürzen schmerzt: Sie tun es auch. SMS, Tweets, Teaser oder vine-Videos sind erfolgreich, nicht obwohl, sondern weil sie kurz sind. Wie oft spielt die kurze Form im Geschäftsalltag eine Rolle? So oft, wie Sie sich, Ihr Projekt, Ihr Produkt oder Ihr Anliegen vorstellen müssen, um sich Gehör zu verschaffen.

Mut zur Lücke

Angenommen Sie werden auf einer Messe oder auf einem Kongress gefragt: „Und was machen Sie beruflich?“ oder „Was ist Ihr Kernthema?“ Natürlich können Sie über dem Kopf des Fragenden keinen Eimer an Informationen ausschütten. Aber spontan und willkürlich aus dem Schatz Ihres reichen Wissens zu schöpfen, kann schiefgehen. Es gibt fünf Fragen und ein Konzept, die Ihnen helfen, den richtigen Schwerpunkt zu setzen.

Bevor es an den eigentlichen Text geht, versetzen Sie sich in die Haut Ihres Gegenübers.

Wenn Sie Ihr Gegenüber wären, …
…was würde das Produkt für Sie interessant machen?
…was interessiert Sie?
…wie viel Vorwissen bringen Sie mit?
…was würden Sie mit der Information machen? Berichten Sie dem Chef? Profilieren Sie sich bei Kollegen? Müssen Sie sich vor dem Einkauf rechtfertigen etc.

Benutzen Sie nun das KONZEPT, um festzulegen, was Sie kommunizieren möchten. Bei Bedarf, können Sie mithilfe dieser Stichpunkte Ihr Ergebnis verfeinern und sich vom Drei-Minuten-Pitch zum Elevator Pitch mit 30 bis 60 Sekunden vorarbeiten. Bei gesprochenem Text sind das – je nach Silbenzahl und Sprechtempo und Pi mal Daumen – immerhin noch 45 bis 120 Wörter.

Konzentrieren Sie sich auf eine einzige Botschaft: Wenn Sie Reporter wären, welche knackige Headline würden Sie über Ihr Produkt setzen?
Orientieren Sie sich am Nutzwert der Information für Ihr Gegenüber.
N
ehmen Sie sich Zeit für die Vorbereitung.
Z
ielen Sie mit knappen Worten.
E
ntfernen Sie alles, was Ihre Botschaft verwässert.
P
rägen Sie sich die Variationen Ihrer Intros für verschiedene Gelegenheiten ein.
T
esten Sie Ihre Botschaft bei Kollegen und Fachfremden.

Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn dieser Prozess länger dauert als erwartet. Sie sind in guter Gesellschaft. Ein Satz, den man Cicero, Mark Twain und gelegentlich auch Goethe zuschreibt, bringt es auf den Punkt: ¨Ich schreibe dir einen langen Brief; für einen kurzen habe ich keine Zeit.¨

Übrigens…

Minimalismus, Purismus, funktionales Design: Unser Faible für „kurz & knapp“ ist weder ein neues Phänomen, noch ist es auf unsere Kultur beschränkt. Der Japaner pflegt das Kurzgedicht Haiku, das Abendland den Aphorismus. Zeitungen legen Obergrenzen für Satzlängen fest. Und den Sinnspruch? Den haben wir mit allen Kulturen gemein. Und nicht nur den.

Alles, „was nicht länger als drei Sekunden dauert, erleben wir als „gegenwärtig“, empfinden es als „zusammengehörig“. Zu diesem Ergebnis kommt der Leiter des Instituts für medizinische Psychologie der Universität München, Ernst Pöppel, der sich in seiner Arbeit an den Ergebnissen moderner Hirnforschung orientiert. Er untersuchte unter anderem Verse deutscher Dichtung und stellte fest: Sie folgen einem Drei-Sekunden-Grundmuster. Das sind 6 bis 9 Wörter Durchschnittslänge pro Vers. Studien zur Dichtung in anderen Sprachen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Pöppel folgert daraus, dass die Art, wie wir Zeit erleben, ein kulturübergreifendes Phänomen ist, ob wir in den Anden oder den Alpen, in Alaska oder in Afrika leben.

Ähnlich kurz ist das Fassungsvermögen unseres Kurzzeitgedächtnisses. Trösten Sie sich, wenn Sie sich Telefonnummern, die mehr als sieben Stellen haben, nicht merken können. Das durchschnittliche Kurzzeitgedächtnis fasst sieben Informationsbrocken (plus/minus zwei). Und damit sind wir bei 5 bis 9 Wörtern. Ziehen wir dieses Ergebnis und unsere Wahrnehmung von ¨gegenwärtig¨ zusammen, kommen wir auf 11 bis 18 Wörter.

Verständlichkeit von Informationen ist das Tagesgeschäft der Zeitungen. Sie legen ihren Journalisten deshalb Satzlängen ans Herz. Die dpa etwa empfiehlt für das gesprochene Wort eine Obergrenze von etwa 14 Wörtern, für Geschriebenes gelten 20 Wörter als wünschenswertes Limit. Ein Zufall? Ob Zufall oder nicht, es hilft Ihnen Ihre Kurzvorstellung – oder Ihr Vine-Video einprägsamer zu gestalten…

P.S.: Fanden Sie diesen Text gut verständlich? Die durchschnittliche Satzlänge beträgt 12,3 Wörter.