Ach, Sie waren das?

pic_1085x150_web_fischeFotolia: © Mikael Damkier

Es passiert immer wieder: Unser Gegenüber schaut erwartungsfroh drein. Aber – peinlich, peinlich – sein Gesicht sagt uns nichts. Aber auch gar nichts. Businesskleidung? Normal. Haarschnitt, einmal Standard, rechts gescheitelt. Und die Brille? Ein aktuelles Intellektuell-Modell. Wir schwimmen – ohne Rettungsring auf weiter See – bis sich das Gegenüber erbarmt und uns ein Stichwort liefert.

Dass es zu solchen Situationen kommt, liegt nicht unbedingt an einem bröckelnden Gedächtnis.

In einem Experiment, das Daniel Simons und Daniel Levin, 1998 durchführten, wollten sie herausfinden, wie genau man Personen wahrnimmt, mit denen man spricht. Für den Versuch benötigten die beiden Psychologen:

3 Versuchsassistenten,

1 ahnungslosen Passanten

und 1 Tür. ?

https://www.youtube.com/watch?v=FWSxSQsspiQ

Der Herr im weißen Haar blieb nicht allein. „Etwa 50 Prozent aller Passanten, an die man im Rahmen der Studie herantrat, bemerkten nicht, dass die Person, mit der sie sprachen, durch eine andere ausgetauscht worden war.“ (Zitat aus „The Door Study“). Interessant ist: In einer späteren Studie bat man die Befragten anschließend, die Versuchsassistenten in einer Gegenüberstellung zu identifizieren. 74 Prozent wussten nicht mehr, mit wem sie es zu tun gehabt hatten.

Die Wahrnehmungspsychologie spricht hier von Veränderungsblindheit. Wenn wir zwei Personen nicht direkt nebeneinander sehen, entgehen uns ihre Unterschiede. Die beruhigende Nachricht ist, das geht uns allen so. Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Intelligenz – bis jetzt hat man keine Eigenschaft entdeckt, die Wahrnehmungsblindheit positiv oder negativ beeinflusst. So lange die Abweichungen in einem gewissen Spektrum bleiben, ist die Chance 50:50, dass man sie übersieht.

Wenn Sie das als beruhigend empfinden, dürfte das nächste Experiment das Gegenteil bewirken. Wir vertrauen darauf, dass wir Dinge, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, auf jeden Fall sehen.

 

Was wichtig ist, sieht man?

Konzentrieren Sie sich auf die Spieler im weißen Hemd. Wie viel Male geben sie den Ball weiter?

https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo

15 mal? Gut gezählt. Aber haben Sie den Gorilla gesehen, der durchs Bild ging? Rund die Hälfte aller Befragten sieht ihn nicht. Diese selektive Aufmerksamkeit nimmt zu, wenn die Veränderung im toten Winkel unserer Aufmerksamkeit stattfindet. Unser Gehirn achtet auf weiße Hemden und Ballwechsel – und blendet den Gorilla aus. Er wird unsichtbar. Man spricht von Veränderungsblindheit und Unaufmerksamkeitsblindheit.

Auch in unserer reizarmen beruflichen Umgebung, in der viele Leute gleich auftreten, über dieselben Themen sprechen und ihre Präsentationen auf die gleiche Weise gestalten, greifen Veränderungs- und Unaufmerksamkeitsblindheit. Das stellt uns vor Herausforderungen, auf die wir selten gefasst sind. Einerseits signalisiert man durch äußerliche Gemeinsamkeiten Gruppenzugehörigkeit, andererseits auch, dass man die Spielregeln in einem bestimmten Umfeld verstanden hat und einhält. Die Uniformität am Arbeitsplatz hat also Methode – ebenso wie ihr Widerspruch: Denn zugleich stehen wir im Wettbewerb und müssen uns absetzen. Auf den Satz „Durch Leistung überzeugen“ können wir uns dabei nicht verlassen. Gerade in einer Serie von Präsentationen könnten Sie und Ihr entscheidendes Leistungsmerkmal erst der Veränderungsblindheit und dann der selektiven Aufmerksamkeit zum Opfer fallen.

 

Der kleine Unterschied

Zurück zu dem Gesprächspartner, an den Sie sich nicht erinnern: Würde Ihnen der Name Ihres Gegenübers eher einfallen, wenn Sie ihn in Verbindung bringen könnten mit „Frau mit der roten Brille“, „Business-Punk“ oder „Hat in der Präsentation Witze gemacht“? Wahrscheinlich.

Es gibt Geschäftsleute, die den Bruch mit der Konvention als Teil ihrer persönlichen Marke sehen. Zu ihnen zählt Gerald Hörhan.

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Investmentbanker Gerald Hörhan bei 3nach9 (Foto: www.frankpusch.com)

Der erfolgreiche Investmentbanker setzt auf die polarisierende Qualität seines Auftritts. Geht das Mehr an persönlicher Inszenierung zu Lasten der Leistung? „Wer den Mund aufreißt, muss Performance bringen“, sagt der Harvard-Absolvent in einem Bayern-3-Interview bei „Mensch, Otto! Mensch, Theile!“ und ergänzt im Brustton der Überzeugung: „Ohne Leistung kommt man nicht an die Spitze“. Aber Leistung erbringen auch andere. Der kleine Unterschied: Hörhans Erfahrungen bestätigen, dass man sich nach vielen gleichförmigen Präsentationen an seinen Auftritt immer erinnert.

Man muss betonen: Hörhan sieht in seinem Auftreten keine künstliche Effekthascherei, sondern einen Ausdruck seiner Authentizität. Seine Klienten sehen das offensichtlich genauso und bringen ihm Vertrauen entgegen. Ist sein Weg der Königsweg? Nicht unbedingt. Eines aber ist sicher. Wenn er in dem Experiment einen Versuchsassistenten ersetzt, fällt das dem Passanten auf.

 

Mut zur Lücke

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Beneiden Sie den Vogel, der sitzt? Oder fürchten Sie um ihn?

http://www.flickr.com/photos/thenext28days/9613736869/

Zu Hörhans ungewöhnlichem Auftreten gehört Selbstvertrauen und die Lust an der Provokation. Nicht jedem sind sie gegeben. Auffällig sein kann Nöte auslösen. Wenn wir „anders sein“ als riskant empfinden, liegt das unter anderem an unserer Sozialisation. Anpassung in der Familie, in der Schule und in der Ausbildung wird in der Regel belohnt. Spätestens, wenn ungewöhnliche Lösungswege und richtige Antworten, die nicht im Schulbuch stehen, mit Punktabzug geahndet werden, hat man seine Lektion gelernt. Wer sich beim Lehrer beschwert, hört dann oft „Das macht man halt so“. Anpassung als Erfolgsrezept gilt auch auf dem Schulhof. Kinder und Jugendliche beugen Übergriffen und Sticheleien vor, indem sie sich gruppenkonform verhalten.

Als Erwachsene übertragen wir dieses Erfolgsrezept auf den Arbeitsplatz – wo es uns prompt ein Bein stellt. Andere erinnern sich nicht an uns, bei Beförderungen wird man übergangen, bei Tagungen übersehen, und in unserer nach den Regeln des Hauses angefertigten Präsentation ringen wir schon nach wenigen Minuten um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Anders, aber wie?

Im Spannungsfeld zwischen gruppenkonformem Verhalten und authentischem Ausdruck von Individualität, zwischen Wettbewerb im Beruf und Unaufmerksamkeits- oder Veränderungsblindheit einen eigenen Weg zu entwickeln, ist eine Herausforderung.
Die ersten Schritte, um sich von anderen positiv abzusetzen, sind gar nicht so schwierig. Bei Präsentationen helfen ungewöhnliche Attention Getter und einprägsame Ein- und Ausstiege, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Im persönlichen Auftreten ist die Entscheidung, sich von der Masse abzusetzen, schon schwieriger. Denn im Ausdruck Ihrer Individualität müssen Sie authentisch sein. Nicht, weil der Begriff in aller Munde ist, sondern weil Ihnen authentisches Verhalten Energie und Selbstvertrauen gibt. Eine Maskerade hingegen kostet Kraft. Fragt sich nur, was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff „authentisch“?

 

Ganz so einfach ist es nicht. Die Courage, etwas anders als die anderen zu machen, baut man auf wie einen Muskel: Fangen Sie mit kleinen Trainingseinheiten an.

 

Authentisch – was ist das?

Eine Frage, die nicht nur uns beschäftigt: Auch Psychologen, Soziologen, Kulturwissenschaftler und Philosophen sind ihr nachgegangen. Google findet über 3,6 Millionen Einträge von Seiten, die sich mit Authentizität befassen. Fragt man spontan Freunde und Bekannte, hört man vor allem eines oft heraus: Authentizität verweise auf den unveränderlichen Wesenskern eines Menschen, der in Wort und Tat unverfälschten Ausdruck findet. Schön wär’s, wenn es so einfach wäre.

Tatsächlich ist unser Wesenskern in einem steten Wandel begriffen, der mal schneller, mal langsamer voranschreitet. Margaret King und Jamie O’Boyle vom Center for Cultural Studies & Analysis in den USA sind in einer Studie zu dem Schluss gekommen, dass wir vier Transformationen erleben, in denen wir die eigene Identität neu definieren. Wir durchlaufen sie mit 14-19, 35-40 bzw. 55-60 und ab 75, also in etwa alle 20 Jahre.

Unsere Persönlichkeit ist also nicht in Stein gemeißelt. Und das ist nicht alles. Auch „Wie“ wir sein und wirken wollen, ist ein Teil von uns – unsere Wünsche sind Teil unserer Authentizität. Wenn Sie also darüber nachdenken, wie Sie Ihren Wiedererkennungswert auf authentische Weise erhöhen möchten, stellen Sie sich nicht nur die Frage „Wie bin ich?“, sondern überlegen Sie: Wer will ich sein? Wie will ich wirken? und Wie sollen mich die Anderen wahrnehmen?

Ein letzter guter Rat, bevor Sie zum roten Irokesen schreiten oder lieber doch nur eine rote Brille kaufen: Unverwechselbarkeit hat Konsequenzen – positive wie negative. Konformität kann der Stolperstein auf dem Karrierepfad sein. Sich abzuheben kann bedeuten, dass man aneckt. Vergessen Sie sich nicht, Seien Sie ehrlich zu sich selbst und beantworten Sie sich im stillen Kämmerlein auch diese beiden Fragen ehrlich: Welche Konsequenz will ich tragen? und Was will ich erreichen?

 

Der nächste Newsletter steht ganz im Zeichen von „Authentizität: der Hype und die Pferdefüße“.

Zum Weiterlesen

Christopher Chabris, Mitautor von The Invisible Gorilla: And Other Ways Our Intuitions Deceive Us, Vortrag vor Google-Mitarbeitern, Mountain View (October 5, 2010). http://youtu.be/4rdUk52h-MY

Memory for centrally attended changing objects in an incidental real-world change detection paradigm, Daniel T. Levin, Daniel J. Simons , Bonnie L. Angelone und Christopher F. Chabris, British Journal of Psychology (2002), 93, 289–302 © 2002 The British Psychological Society. http://www.vanderbilt.edu/psychhumdev/levin/labpage/papers/LevinSimAngCha.pdf

Dare be yourself, Michael Kernis und Brian Goldman (2000), http://www.psychologytoday.com/articles/200804/dare-be-yourself

Basic Characteristics of Life Development Stages, Margaret King und Jamie O’Boyle, Center for Cultural Studies & Analysis, Philadelphia, USA (2001, 2006). http://www.culturalanalysis.com/docs/chart.html

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